Essay von Ingrid Nelson Ihle

Ich bin Ingrid Nelson Ihle, 17 Jahre alt und besuche das letzte Schuljahr an der Akademiet Sundland. Seit 2022 lerne ich Deutsch. Als ich in der achten Klasse war, habe ich Deutsch gewählt, nur weil ich eine Fremdsprache wählen musste. Ich war der Meinung, dass eine zweite Fremdsprache nur ein Fach war, das ich irgendwie überstehen musste. Schließlich war es ja ein Pflichtfach. Heute sehe ich das anders. Ich bin tatsächlich ganz anderer Meinung. Die Bildungsbehörde Udir würde einen großen Fehler begehen, wenn sie Fremdsprachen als Pflichtfächer abschaffen würde.

Wenn wir Fremdsprachen lernen, können wir die Welt besser verstehen. Wir lernen nicht nur eine neue Sprache, sondern auch andere Kulturen und Traditionen kennen. Egal, welche Sprache wir lernen, eröffnet sie uns eine neue Welt. Dadurch können wir andere Menschen besser verstehen und neue Perspektiven gewinnen. Dank der sozialen Medien sehen wir zwar, was im Ausland passiert, aber sie erklären uns selten das Warum. Was wissen wir eigentlich über andere Kulturen und ihre Traditionen? Wer ist zum Beispiel der Krampus, und warum stellt man in Deutschland am Nikolaustag Schuhe oder Stiefel vor der Tür? Wir leben in einer globalisierten Welt, in der es nicht mehr reicht, nur unsere eigene Kultur und unsere Traditionen zu kennen. Wir müssen auch andere Länder und ihre Kulturen besser verstehen. Was passiert eigentlich im Ausland? Warum wird in Deutschland über eine Brandmauer gesprochen? Und warum ist es so wichtig, dass die AfD so viele Stimmen bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern bekommen hat? Solche Fragen zeigen, dass es nicht reicht, nur zu wissen, was passiert. Wenn wir Deutsch verstehen, können wir diese Nachrichten in ihrer Originalsprache lesen und uns ein besseres Bild von der Situation machen. Dasselbe gilt für Filme, die oft besser sind, wenn man sie in der Originalsprache sieht. Auch bei Nachrichten ist es wichtig, die ursprüngliche Sprache zu verstehen, da Übersetzungen nicht immer alle Bedeutungen und Zusammenhänge wiedergeben können. Gerade in einer Welt, in der wir immer mehr voneinander abhängig sind, finde ich es besonders wichtig, die Ereignisse in anderen Ländern wirklich zu verstehen. Was in Deutschland passiert, geht auch uns etwas an. Deshalb sind Fremdsprachen eine wichtige Möglichkeit, die Welt und die Menschen um uns herum besser zu verstehen.

Fremdsprachen können uns auch viele Möglichkeiten für die Zukunft eröffnen. Wenn wir später im Ausland studieren oder vielleicht auch arbeiten möchten, sind Sprachkenntnisse sehr hilfreich. Ich könnte mir kaum vorstellen, wie schwierig es wäre, in Norwegen zu leben, ohne Norwegisch sprechen zu können. Ähnlich ist es auch in anderen Ländern. Ja, die Menschen sprechen vielleicht ein bisschen oder sogar fließend Englisch. Man findet vielleicht Freunde, mit denen man sich auf Englisch unterhalten kann. Trotzdem kann es unangenehm sein, wenn andere Menschen ihre Sprache nur deinetwegen wechseln müssen. Vielleicht ist die Sprache, die du jahrelang gelernt hast, nicht die Sprache des Landes, in dem du später leben möchtest. Trotzdem war das Sprachenlernen keine Zeitverschwendung, denn du hast gelernt, wie man eine Sprache von Anfang an lernt. Du hast gelernt, dass du es schaffen kannst. Darüber hinaus gibt es auch in Norwegen viele Berufe, in denen es wichtig ist, mehrere Sprachen zu sprechen. Ein Arzt oder eine Ärztin behandelt nicht nur norwegischsprachige Patienten und Patientinnen. Auch in Berufen, die mit viel Reisen oder internationaler Zusammenarbeit verbunden sind, ist es hilfreich, mehrere Sprachen zu sprechen, selbst wenn Englisch die Arbeitssprache ist. Das Sprachenlernen bereichert unser Leben nicht nur durch berufliche Möglichkeiten, sondern auch durch zwischenmenschliche Begegnungen.

Ich kann mich noch daran erinnern, wie meine erste Deutschstunde war. Ich war wie erschlagen von dem Gefühl, wie viel ich nicht wusste. Für mich war Deutsch eine völlig neue Sprache. Früher hatte ich immer alles sofort verstanden, aber das war in meinem ersten Deutschunterricht nicht der Fall. Ich bereute meine Entscheidung, doch ich wusste, dass ich zumindest fünf Jahre lang Deutsch lernen musste, weil ich Geologie studieren wollte. Was damals wie eine Verpflichtung aussah, hat sich inzwischen ins komplette Gegenteil verkehrt. Am Ende der neunten Klasse konnte ich „Gesammelte Werke“ von Kafka lesen, und das fand ich faszinierend. Ich begann mit der Kurzgeschichte „Kleine Fabel“, und wie der Titel schon vermuten lässt, ist es eine wirklich kurze Geschichte. Trotzdem konnte ich sie verstehen. Die Ingrid, die eineinhalb Jahre zuvor noch von der deutschen Sprache überfordert gewesen war, konnte jetzt deutsche Kurzgeschichten lesen. Seitdem habe ich nicht mehr aufgehört. Ich habe das Buch zu Ende gelesen, und danach folgten weitere Bücher wie „Kairos“ von Jenny Erpenbeck und „Faust“ von Goethe. Die Ingrid, die 2022 nur einfache deutsche Begrüßungen wie „Hallo“ und „Auf Wiedersehen“ kannte, kann jetzt Texte wie diesen spontan schreiben. Die Ingrid, die in der achten Klasse eigentlich keine Fremdsprache wählen wollte, hat sich dieses Schuljahr freiwillig für Deutsch 3 entschieden und möchte übrigens nicht länger Geologie, sondern Mathematik studieren. Das Einzige, das sich nicht verändert hat, ist meine Angst vor der Kamera. Durch das Lernen habe ich verstanden, dass eine neue Sprache nicht nur ein Schulfach ist, sondern auch eine Möglichkeit, neue Dinge zu entdecken. Deshalb finde ich, dass auch andere Jugendliche die Chance bekommen sollten, eine Fremdsprache zu lernen. Vielleicht werden sie die Sprache nicht faszinierend finden, aber sie werden lernen, ein bisschen Deutsch zu verstehen. Vielleicht werden sie einige Jahre nach ihrem Schulabschluss glauben, dass sie alles vergessen haben. Doch die meisten von ihnen werden noch ein paar Sätze verstehen können.

Zusammenfassend bin ich der Meinung, dass Fremdsprachen weiterhin Pflichtfächer sein sollten. Sie helfen uns, die Welt besser zu verstehen, und eröffnen uns neue Möglichkeiten für die Zukunft. Das Sprachenlernen ist wie die Eröffnung einer neuen Welt. Udir möchte den Jugendlichen diese Chance wegnehmen, indem Fremdsprachen nur noch als Wahlfächer angeboten werden sollen. Die Bildungsbehörde glaubt, dass Fremdsprachen besser als Wahlfächer geeignet seien. Wenn Fremdsprachen bereits Wahlfächer gewesen wären, als ich in der achten Klasse war, hätte ich selbst wahrscheinlich nie Deutsch gelernt, weil ich nicht gewusst hätte, wo ich anfangen sollte. Deshalb würde die Bildungsbehörde meiner Meinung nach einen großen Fehler begehen, wenn sie die Fremdsprachenpflicht abschaffen würde. Manchmal wissen wir nicht, welche Möglichkeiten uns eine Entscheidung eröffnen kann, bevor wir sie getroffen haben.

— Ingrid Nelson Ihle